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Gedichte zum Nachdenken - sowohl lang als auch kurz; moderne und auch Klassiker.

Diese tiefgründigen Gedichte zu verschiedenen Themen eignen sich als Inspiration - Verse & Reime aus verschiedenen Epochen & Kulturen.

Denken

Das Denken ist ein bewusster Prozess, bei dem ein Bild oder eine Vorstellung, eine Erinnerung oder eine Idee ohne direkten Reiz durch die Sinne gebildet wird. Überlegen, Nachdenken, Erinnern sind mit dem Denken verwandte Begriffe.

Etymologisch stammt der Begriff "Denken" vom althochdeutschen "thenken" (8. Jh.) ab - mit Ähnlichkeit zum angelsächsischen "thenkian" (siehe das englische "think"). Die Entsprechung im lateinischen ist "tongēre" (kennen, wissen) mit der Wurzelform *teng-, *tong- (denken, fühlen).


"Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz." [Immanuel Kant; Kritik der praktischen Vernunft, Kapitel 34, 1788]


Im "Sophistes" definiert Platon das Denken als "innere Rede, die die Seele still mit sich selbst führt" (263 d ff., Übers. Chambry). Und im "Theaitetos" hatte er es bereits als "Rede, die die Seele mit sich selbst über die Gegenstände führt, die sie untersucht" definiert (189 e ff., Übersetzung von Chambry). Das wesentliche Merkmal des Denkens ist also die Reflexivität ("mit sich selbst", "zu sich selbst").

 


Ist doch - rufen sie vermessen -
Nichts im Werke, nichts getan!
Und das Große reift indessen
   Still heran.

Es erscheint nun; niemand sieht es,
Niemand hört es im Geschrei:
Mit bescheidner Trauer zieht es
   Still vorbei.

Hermann Allmers (1821 - 1902) schrieb als „Marschendichter“ vor allem über Kultur und Landschaft seiner nordwestdeutschen Heimat. Siehe auch sein Gedicht: Feldeinsamkeit


„Und wenn Sie etwas lesen, vollziehen Sie nicht nur die Gedanken des Autors, berücksichtigen Sie auch, was Sie denken. Gentlemen, Sie müssen sich um eine eigene Perspektive bemühen. Und je länger sie damit warten, um so unwahrscheinlicher ist es, dass Sie sie finden.
Thoreau sagte: ‚Die meisten Menschen führen ein Leben in stiller Verzweiflung.‘ Finden Sie sich nicht damit ab. Brechen Sie aus. Stürzen Sie nicht in den Abgrund wie die Lemminge. Sehen Sie sich um. […] Haben Sie den Mut Ihren eigenen Weg zu suchen!“

Quelle: Der fiktive Charakter John Keating (Robin Williams) in "Der Club der toten Dichter" (1989 verfilmt; "O Kapitän, mein Kapitän! Die grause Fahrt ist aus"; 1865; Walt Whitman)


Es wohnen die hohen Gedanken
In einem hohen Haus.
Ich klopfte, doch immer hieß es:
Die Herrschaft fuhr eben aus!

Nun klopf ich ganz bescheiden
Bei kleineren Leuten an.
Ein Stückel Brot, ein Groschen
Ernähren auch ihren Mann.

Wilhelm Busch.


Geschöpf nicht mehr, Gebieter der Gedanken,
des Willens Herr, nicht mehr in Willens Frone,
der flutenden Empfindung Maß und Meister,

zu tief, um an Verneinung zu erkranken,
zu frei, als dass Verstocktheit in ihm wohne:
So bindet sich ein Mensch ans Reich der Geister:

So findet er den Pfad zum Thron der Throne.

Christian Morgenstern.


So ernst, mein Freund? Ich kenne dich nicht mehr.
Schon viele Tage seh’ ich’s schweigend an,
Wie finstrer Trübsinn deine Stirne furch’t.
Auf deinem Herzen drückt ein still Gebresten,
Vertrau es mir, ich bin dein treues Weib.
[…]
Und still im Herzen hab ich mir’s bewahrt.
So höre denn und acht auf meine Rede.

Gertrud: Wilhelm Tell (Friedrich Schiller): 1. Aufzug, 2. Szene


Immer reicher, Jahr um Jahr,
grüßt es mit Geschenken…
immer froher um dich her
blüht es auf – und um so mehr
lerne dich beschränken…

Lerne dich an dem zu freu’n,
was du dir errungen
und wirf es ab, zu bereu’n,
was dir nicht gelungen!

Cäsar Flaischlen (1864 - 1920)


Ich bin wie Leib dem Geist, wie Geist dem Leibe dir;
Ich bin wie Weib dem Mann, wie Mann dem Weibe dir,
Wen darfst du lieben sonst, da von der Lippe weg
Mit ew'gen Küssen ich den Tod vertreibe dir?
Ich bin dir Rosenduft, dir Nachtigallgesang,
Ich bin der Sonne Pfeil, des Mondes Scheibe dir;
Was willst du noch? was blickt die Sehnsucht noch umher?
Wirf alles, alles hin: du weißt, ich bleibe dir!

August von Platen (1864 - 1920)



Übrigens: auf unserem Schwesterprojekt finden Sie tiefsinnige Zitate zum Nachdenken — fein säuberlich nach Autoren und Themen sortiert.


wer ist denn schon bei sich
wer ist denn schon zu hause
wer ist denn schon zu hause bei sich
wer ist denn schon zu hause
wenn er bei sich ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu hause ist
wer ist denn schon bei sich
wenn er zu haus bei sich ist
wer denn

Elfriede Gerstl (1932 - 2009) war eine österreichische Schriftstellerin. Als Jüdin lebte sie während der Zeit des Nationalsozialismus in einem Versteck in Wien. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte sie Medizin und Psychologie an der Universität Wien. Ab 1955 begann sie ihre Lyrik in Literaturzeitschriften zu veröffentlichen. Von 1963 bis 1971 lebte sie regelmäßig für längere Zeit in Berlin. Die Feministin Gerstl veröffentlichte neben Gedichten auch Romane und Erzählungen sowie Kinderbücher, Hörspiele und Essays.


Gedichte
Skelette geblieben aus
verglühten Leben

Jenny Aloni (geb. Rosenbaum; 1917 – 1993) war eine deutsch-israelische Schriftstellerin, die als eine der bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur in Israel gilt.


 

 


Zähle die Mandeln,
zähle, was bitter war und dich wachhielt,
zähl mich dazu:

Ich suchte dein Aug, als du’s aufschlugst und niemand dich ansah,
ich spann jenen heimlichen Faden,
an dem der Tau, den du dachtest,
hinunterglitt zu den Krügen,
die ein Spruch, der zu niemandes Herz fand, behütet.

Dort erst tratest du ganz in den Namen, der dein ist,
schrittest du sicheren Fußes zu dir,
schwangen die Hämmer frei im Glockenstuhl deines Schweigens,
stieß das Erlauschte zu dir,
legte das Tote den Arm auch um dich,
und ihr ginget selbdritt durch den Abend.

Mache mich bitter.
Zähle mich zu den Mandeln.

Paul Celan (1920 - 1970) war ein bedeutender deutschsprachiger rumänischer Dichter und Übersetzer. Er wuchs in Cernăuţi auf. Die Region gehörte damals zu Österreich-Ungarn, und so war Deutsch neben Rumänisch die Hauptverkehrssprache der jüdischen Kulturaristokratie, der der Dichter angehörte und die fast die Hälfte der Bevölkerung der Stadt ausmachte.
In seinen letzten Lebensjahren litt er unter selbstzerstörerischen Tendenzen, Verfolgungswahn und Amnesieanfällen. Er beging im April 1970 im Alter von 49 Jahren Selbstmord durch Ertrinken in der Seine (Paris).

Auszug aus seiner Rede "Der Meridian" anläßlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises. Darmstadt, am 22. Oktober 1960.

"Gewiß, das Gedicht – das Gedicht heute – zeigt, und das hat, glaube ich, denn doch nur mittelbar mit den – nicht zu unterschätzenden – Schwierigkeiten der Wortwahl, dem rapideren Gefälle der Syntax oder dem wacheren Sinn für die Ellipse zu tun, – das Gedicht zeigt, das ist unverkennbar, eine starke Neigung zum Verstummen.
Es behauptet sich [...] sich am Rande seiner selbst; es ruft und holt sich, um bestehen zu können, unausgesetzt aus seinem Schon-nicht-mehr in sein Immer-noch zurück."

"Aber steht das Gedicht nicht gerade dadurch, also schon hier, in der Begegnung – im Geheimnis der Begegnung?
Das Gedicht will zu einem Andern, es braucht dieses Andere, es braucht ein Gegenüber. Es sucht es auf, es spricht sich ihm zu.
[...]
Die Aufmerksamkeit, die das Gedicht allem ihm Begegnenden zu widmen versucht, sein schärferer Sinn für das Detail, für Umriß, für Struktur, für Farbe, aber auch für die „Zuckungen“ und die „Andeutungen“, das alles ist, glaube ich, keine Errungenschaft des mit den täglich perfekteren Apparaten wetteifernden (oder miteifernden) Auges, es ist vielmehr eine aller unserer Daten eingedenk bleibende Konzentration."

 


Die schwersten Wege werden allein gegangen.
Die Enttäuschung, der Verlust,
das Opfer sind einsam.

Alle Vögel schweigen.
Man hört nur den eigenen Schritt,
den der Fuß noch nicht gegangen ist,
aber gehen wird.

Stehenbleiben und Umdrehen hilft nicht.
Es muss gegangen sein.

Hilde Domin (1909 - 2006) war eine deutsche Schriftstellerin, die in einer jüdischen Familie aufwuchs. Sie war vor allem als Lyrikerin bekannt und eine bedeutende Vertreterin des „ungereimten Gedichts“.