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Das Gedicht „Weltende“ stammt aus der Feder von Jakob van Hoddis.

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

 

Übersetzung ins Englische (Quelle: unbekannt)

End of the World

The hat flies off the bourgeois’ pointed head.
There is a sound that shrieks through all the air.
Tiles tumble from rooftops and shatter in two.
And on the coasts, we read, the tide is rising.

The storm has come, the wild seas lurch ashore
to crush the bloated dams.
Most people have colds, their noses running.
The trains plunge off the bridges.

Siehe auch das Gedicht Weltende (1903) von Else Lasker-Schüler.

Analyse

Das Gedicht "Weltende" (1911; Epoche des Expressionismus) besteht aus 2 Strophen mit jeweils 4 Versen. Die ersten Strophe weist einen umarmender Reim (Reimschema [abba]; nur männliche Kadenzen) und die zweite (Reimschema [abab]; nur weibliche Kadenzen) einen Kreuzreim auf. Das Versmaß ist ein fünfhebigen Jambus.

Die Verse stehen unverbunden (Reihungsstil); jeder Vers bildet dabei eine Sinneinheit, außer Zeile fünf, bei der das Zeilenende überschritten wird (Enjambement).

Inhalt / Zusammenfassung

Der Titel Weltende bedeutet so viel wie Weltuntergang oder Endzeit, aber van Hoddis hat ihn ironisch verwendet, denn die eigentliche Bedeutung ist Naturkatastrophe, was ja auch das Thema des Gedichts ist. Das Hauptmotiv ist der Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Kräften: der ersten Natur und der so genannten zweiten Natur, die der Mensch mit dem Material der ersten aufgebaut hat. Kurz gesagt: Natur gegen Gesellschaft.

Hintergrund

Das Gedicht "Weltende" wurde 1911 erstmals in der Berliner Zeitschrift "Der Demokrat" veröffentlicht. In dieser Zeit waren die Ansichten des Impressionismus noch weit verbreitet; das Gedicht markiert somit einen neuen Abschnitt in der Literaturgeschichte und entwickelte sich zu einem Kultgedicht (die anderen Gedichte des Autors sind nie wirklich bekannt geworden). Im Jahr 2005 nahm Marcel Reich-Ranicki "Weltende" in den Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke auf.

Um 1910 existierte eine konkrete apokalyptische Angst vor einem Zusammenstoß des Halleyschen Kometen mit der Erde. Die Zusammenhanglosigkeit der Schilderungen des Weltendes zusammen mit dem Hinweis „liest man“ kann man als Medienkritik verstehen. Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten: Jeden Tag gibt es eine neue Katastrophe.
Die 1912 beginnende geistige Umnachtung des Dichters liefert eine weitere Interpretation für den in kuriosen Einzelbildern imaginierten Weltuntergang - siehe z.B. sein Gedicht Nachtgesang.

 

Weitere gute Gedichte des Autors Jakob van Hoddis.

 

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