GedichtGedichte

Eine Liste guter Gedichte - sowohl lang als auch kurz; moderne und auch Klassiker. Was genau gut ist, hängt von der Perspektive ab. Allerdings gibt es einige Gedichte, die seit Jahrhunderten tradiert werden, und quasi als zeitlos gelten können.


Du selber stirbst, es stirbt auch was dir gehört,
Eins aber weiß ich […] nie wirds zerstört:
Dies ist der Toten Nachruhm; drum lass das Schlechte,
Und wolle nur das Edle, und tu' das Rechte!

Esaias Tegnér (1782 - 1846), schwedischer Professor und Dichter


Es gibt ein Weinen, das nicht Tränen hat,
Das ist das herbste, allerschwerste Weinen.
Dann ist das Herz so weh, so todesmatt
Und sieht die goldne Sonne nicht mehr scheinen.

Anna Enders-Dix (1874 - 1947) war eine deutsche Schriftstellerin.


Auch das leiseste Wort
streift von des heilgen Erleben
schüchternem Flügelbeben
etwas Schimmerstaub fort.

Dass es bei keinem Schlage
von seinem Reichtum verlier,
dulde, dass schweigend zu dir
mein Herz seine Liebe trage!

Leonie Adele Spitzer (1891-1940) war eine österreichisch-jüdische Schriftstellerin und Lehrerin. Sie schloss ihr Philosophie-Studium mit einer Dissertation (Dr. phil.) "Über Rilkes Verskunst" 1920 ab.


Abschied

Ich habe dir viel gegeben;
Bewahr es gut,
Wo fern vom Irren und Leben
Es einsam ruht.

Wie Schatten hingebreitet,
Die kommen und fliehn,
Auf deiner Seele gleitet
Die Welt dahin.

Doch in die tiefern Gründe
Schau ich hinab,
Ob ich dort wiederfinde,
Was ich dir gab.

Arthur Schnitzler (1862 - 1931) war ein österreichischer Erzähler und Dramatiker. Von Beruf Arzt, zeigte er in seinen Stücken großes Interesse an Erotik, Tod, Psychologie und der sozialen Krise der Jahrhundertwende im kulturellen Zentrum Wiens. Er wurde von dem sechs Jahre älteren Sigmund Freud sehr bewundert, der in ihm eine Art literarischen "Doppelgänger" sah1 und mit dem er in seinem letzten Lebensabschnitt korrespondierte. In seinem Bestreben, die psychologische Komplexität seiner Figuren zu vertiefen, bediente er sich als einer der ersten deutschsprachigen Autoren der Technik des inneren Monologs, etwa in "Leutnant Gustl" (1900) und "Fräulein Else" (1924). Viele seiner Werke wurden für Film und Fernsehen adaptiert,3 unter anderem von so bekannten Regisseuren wie Max Ophüls (Liebelei (1933), Der Reigen (1950)) und Stanley Kubrick (Eyes Wide Shut; 1999).

Regen

Der Regen peitscht ruhlos Nacht für Nacht,
ich bin von dem müden Klopfen erwacht,
steht eine Seele draußen im Wind,
flüstert: Sei ruhig, du armes Kind -,
der Lenz stillt Tränen und Träumen!

Hermine von Preuschen (1854 - 1918) war eine deutsche Malerin und Schriftstellerin. Sie arbeitete viele Jahre in Italien, reiste aber auch lange und ausgiebig umher.

Regen

Du bist nicht Gast. Du wohnst in mir.
Hast nicht nur Rast. Hast Bleibe hier.
Hier steht deine Wiege. Hier zäunt dein Geheg.
Hier steilt dir Stiege. Hier mündet dein Weg.

Hier hält dich Helle. Hier hüllt dich Nacht.
Im Brunn quickt Quelle. Speicher füllt Fracht.
Geh aus. Geh ein. Sei unverhofft.
Dein Haus dir offen. Komm gern. Komm oft.

Hans Schiebelhuth (1895 - 1944) war ein expressionistischer deutscher Schriftsteller und Dichter.
Mit seiner kongenialen Übersetzung der Romane "Schau heimwärts, Engel! Eine Geschichte vom begrabnen Leben" und "Vom Tod zum Morgen" von Thomas Wolfe wurde Schiebelhuth so bekannt, dass darüber sein eigenständiges dichterisches Werk vielfach unbeachtet blieb.

Ein Schluss

Mir kann der Saft der Reben
Stets neu Vergnügen geben.
Ich lache, scherz und singe,
Ich jauchze, hüpf und springe,
Es fliehen alle Schmerzen
Aus meinem frohen Herzen.
Bei Damis stillen Küssen,
Kann ich leicht alles missen,
Was andern Wollust dünket:
Drum Schwestern, liebt und trinket!

Johanna Charlotte Unzer (1725 - 1782), auch unter Johanne Charlotte Unzer-Ziegler oder schlicht unter Zieglerin bekannt, war eine deutsche Dichterin und Philosophin. Zu ihren Lebzeiten hatte sie eine große Leserschaft, später geriet sie jedoch weitgehend in Vergessenheit.



Übrigens: auf unserem Schwesterprojekt finden sie umwerfend Gute Zitate — fein säuberlich nach Autoren und Themen sortiert.


Die Poesie ist eine Form der Literatur, die aus Versen besteht. Sie nutzt die ästhetischen und rhythmischen Eigenschaften der Sprache wie Metrum und Lautsymbolik, um Bedeutungen zu vermitteln, die die prosaische, scheinbar wörtliche Bedeutung ergänzen, ersetzen oder untergraben.

Gedichte haben eine lange Geschichte, die bis auf das sumerische Gilgamesch-Epos zurückgeht. Frühe Gedichte entwickelten sich aus Volksliedern wie dem chinesischen Shijing oder aus dem Bedürfnis, mündlich überlieferte Epen immer wieder neu zu erzählen, wie in den sanskritischen Veden, den zoroastrischen Gathas und den homerischen Epen Ilias und Odyssee.
Antike Definitionsversuche der Poesie, wie die Poetica des Aristoteles, betonten die Rede in Rhetorik, Drama, Gesang und Komödie. Spätere Versuche konzentrierten sich auf Merkmale wie Wiederholung, Versform und Reim und betonten die Ästhetik, die die Poesie von objektiveren, prosaischeren Formen des Schreibens unterscheidet. Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wird die Lyrik zuweilen ganz allgemein als ein im Wesentlichen schöpferischer Akt der Sprache betrachtet.

Wie eine Welle

Wie eine Welle, die vom Schaum gekränzt
Aus blauer Flut sich voll Verlangen reckt
Und müd und schön im großen Meer verglänzt –

Wie eine Wolke, die im leisen Wind
Hinsegelnd aller Pilger Sehnsucht weckt
Und blaß und silbern in den Tag verrinnt –

Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichen Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit.

Hermann Hesse

Vision

Man hat mir heute Nacht mein Herz vertauscht.
Es war so matt und hat sich nicht gewehrt.
Es war vom Abend her noch wie berauscht
und müd und ohne Schutz und stark versehrt
und konnte wie ein krankes Kind getragen werden …

Man hat es mir genommen, und mit Pferden,
die schwarz und hastig waren und vermummt -
ich hörte lange noch die Hufe schlagen -
hat man es fortgebracht; und rasch verstummt
war auch sein letztes banges Nach-Mir-Fragen …

Was man mir ließ und was ich höre schlagen
und was mich zittern läßt, ist nicht mein Herz.
Nur so ein Etwas, ein von Lust und Schmerz
Vermischtes, das nicht auszusagen …

Christine Lavant

In der Lyrik werden Formen und Konventionen verwendet, um eine andere Interpretation der Worte zu suggerieren oder eine emotionale Reaktion hervorzurufen. Mittel wie Assonanz, Alliteration, Onomatopoesie und Rhythmus werden manchmal eingesetzt, um zauberhafte oder musikalische Effekte zu erzielen. Die Verwendung von Zweideutigkeit, Symbolik, Ironie und anderen Stilelementen der poetischen Rezitation lässt oft eine Vielzahl von Interpretationen zu.
In ähnlicher Weise schaffen Bilder wie Metaphern, Vergleiche (ob homerisch oder nicht) und Metonymie eine Resonanz zwischen ansonsten disparaten Bildern - eine Überlagerung von Bedeutungen, bei der zuvor ungesehene Verbindungen hergestellt werden. Zwischen den einzelnen Versen können verwandte Formen der Resonanz in ihren Reim- oder Rhythmusmustern vorhanden sein.

Das Vergnügen, das Gedichte dem Leser oder Zuhörer bereitet, entsteht durch die besondere Kombination von Form, Klang und Bedeutung, die dem Vers innewohnt, und dieses Vergnügen kann emotional (z. B. Rührung oder Beschwörung), intellektuell (z. B. Einsicht oder Nuancierung) oder humorvoll sein. Die Empfänglichkeit für Gedichte oder die Sensibilität für Verse hängt auch davon ab, inwieweit sie kultiviert wird.


 

Jetzt erst wird Alles stille,
Die Nacht zieht groß einher,
Mit ihres Friedens Fülle; –
Schlaf, Herz, was willst du mehr.

Ida Gräfin von Hahn (1805 - 1880) war eine deutsche Schriftstellerin und Lyrikerin. Sie galt als eine der meistgelesenen Autorinnen ihrer Zeit. Allerdings wurde ihre manierierte und mit Fremdwörtern gespickte Erzählweise sowie ihre elitäre aristokratische Haltung auch kritisiert.

 

Die Sprache

Der hat die Sprach' als Blumenflor gezogen,
Draus er mit Anmut stille Kränze flicht;
Dem ist sie Roß, das, stürz' er oder nicht,
Donnernden Hufschlags Klippen überflogen;

Dem Springquell, der empor in Silberwogen
Kühn bis in's Blau in ew'ger Frische bricht,
Demantentanz erblitzt im Sonnenlicht,
Und drüber, zaub'risch, bebt ein Regenbogen.

Der Andre läßt des Busens Sturm nicht rasten,
Bis tiefsten Weh's Akkord von schwingenden Saiten
Der Äolsharf' aushallt in fernste Weiten.

Der Meister nur greift sicher in die Tasten
Der Riesenorgel, mit geübten Händen
So Donner, wie Gesäusel uns zu spenden.

Friedrich von Sallet (1812 - 1843) war ein deutscher Schriftsteller, der vor allem durch seine politischen und religionskritischen Gedichte bekannt wurde.