GedichteGedichte

Eine Liste von schönen und besinnlichen Gedichten zum Thema "Leben" - moderne und auch Klassiker; sowohl lang als auch kurz. Lassen Sie diese sensiblen Worten auf sich & andere wirken.

Das Gedicht

Ein Blatt vom Weltenbaume
Schauernd in dunklem Trieb.
Weil sich beim Schöpfungstraume
Urweisheit darauf schrieb,

Im kleinsten Raum ein Funken
Von unermess’nem Licht
Zur Erd’ herab gesunken -
Erkenn’s, man nennt’s Gedicht.

Ernst von Wildenbruch (1845 - 1909)

Mein Lebenslauf

Mein Lebenslauf ist bald erzählt.
In stiller Ewigkeit verloren
Schlief ich, und nichts hat mir gefehlt,
Bis daß ich sichtbar ward geboren.

Was aber nun? – Auf schwachen Krücken,
Ein leichtes Bündel auf dem Rücken,
Bin ich getrost dahin geholpert,
Bin über manchen Stein gestolpert,

Mitunter grad, mitunter krumm,
Und schließlich musst’ ich mich verschnaufen.
Bedenklich rieb ich meine Glatze
Und sah mich in der Gegend um.

O weh! Ich war im Kreis gelaufen,
Stand wiederum am alten Platze,
Und vor mir dehnt sich lang und breit,
Wie ehedem, die Ewigkeit.

Wilhelm Busch



Was dich immer drückt, verzage nicht.
Auch das Leiden adelt – klage nicht.
Nur was wieder in den Staub dich zieht,
das Gemeine nur vertrage nicht.

Freude kann veredeln wie der Schmerz,
drum des Lebens Lust entsage nicht.
Vorwärts, unaufhaltsam rollt die Zeit,
und ins Rad zu greifen wage nicht.
Was du bist, das strebe ganz zu sein.
und nach anderm Lohne frage nicht.

Albrecht von Wickenburg (1838 - 1900)

Wir tragen Geheimnisse in uns, deren Tiefe uns in Momenten ehrfürchtigen Denkens überwältigt.
Und erschütternd drängt sich uns die Ahnung auf, dass wir, nahe nebeneinander lebend, über das eigentlich Bestimmende in der Seele des Nächsten oft im Dunkel sind.

Anna Dix (1874 - 1947)

Das Wesen der Dinge,
was ist es nur?
Ein Wandern im Ringe
der Gottnatur.

Ein Sehnen aus Hülle,
aus Raum und Zeit,
zur quellenden Fülle
der Ewigkeit.

Alfons Petzold (1882 - 1923); aus der Sammlung "Erkennungen".


Jeder glückliche Morgen, an dem wir einem neuen Tag entgegensehen, unsere Welt mit unserem Gemüt neu geschenkt umfassen, ist ein innerer Sonnenaufgang mit einem glanzvollen Gestirn und Rosenwolken;
und jeder sinkende Tag, an dem unser Herz zusammenfassend über die Welt hinwegblickt, ein solcher Sonnenuntergang.
Und zwischen beiden liegt der heitere oder trüber oder gewitterschwangere Himmel unserer Lebenstage.

August Pauly (1850-1914)



Wer einsam steht im bunten Lebenskreise
Und was das Leben teuer macht verlor,
Wie bebt sein Herz, trifft eine liebe Weise
Aus ferner Jugendzeit sein horchend Ohr!

Musik, du Mächtige! vor dir verschwindet
Der armen Sprache ausdrucksvolles Wort;
Warum auch sagen, was das Herz empfindet,
Tönt doch in dir die ganze Seele fort.

Der Freundschaft Worte haben oft gelogen,
Es täuscht die Liebe durch Beredsamkeit;
Musik allein hat nie ein Herz betrogen
Und viele Herzen hoch erfreut.

Helene zu Mecklenburg(-Schwerin) (1814 - 1858)


Nicht ein Lüftchen regt sich leise,
sanft entschlummert ruht der Hain,
durch der Blätter dunkle Hülle
stiehlt sich lichter Sonnenschein.

Ruhe, ruhe, meine Seele,
deine Stürme gingen wild,
hast getobt und hast gezittert,
wie die Brandung, wenn sie schwillt.

Diese Zeiten sind gewaltig,
bringen Herz und Hirn in Not,
ruhe, ruhe, meine Seele,
und vergiß, was dich bedroht!

Karl Henckell, (1864-1929)


Sie sind so jung, so vor allem Anfang, und ich möchte Sie, so gut ich es kann, bitten, lieber Herr, Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Forschen Sie jetzt nicht nach den Antworten, die Ihnen nicht gegeben werden können, weil Sie sie nicht leben könnten. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Leben Sie jetzt die Fragen. Vielleicht leben Sie dann allmählich, ohne es zu merken, eines fernen Tages in die Antwort hinein.

Rainer Maria Rilke, Brief An Franz Xaver Kappus, Auszug



O wehe, wehe dem, der Schmerz und Wonne
Auskosten muß bis auf des Bechers Grund!
Der sich im Adlerflug erhebt zur Sonne
Und aus der Höhe stürzt zu Tode wund!

Wohl strebt er neu empor auf starken Schwingen,
Er mißt das Leben nicht mit fremdem Maß,
Er kann sein Denken in Geleise zwingen,
Die sich sein hoher Wille selbst erlas.

Doch in den dunklen, mitternächtgen Stunden,
Wenn ihn kein Aug' in seiner Qual erspäht,
Wenn alles, was sein Geist nicht überwunden,
Ewig unüberwindbar vor ihm steht,
    Dann fühlt er, daß mit Gift die Götter tränken
    Die Gaben, die sie Auserwählten schenken!

Olga von Gerstfeld (1866-1910) einer deutsche Schriftstellerin und Kunsthistorikerin. Aus "Psalter der Liebe".


Man muss den Dingen die eigene, stille ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen – und dann gebären… Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch! Aber er kommt nur zu den Geduldigen, die da sind, als ob die Ewigkeit vor ihnen läge, so sorglos, still und weit… Man muss Geduld haben Mit dem Ungelösten im Herzen, und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, wie verschlossene Stuben, und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben. Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke, "Briefe an einen jungen Dichter", 1903, Auszug