GedichteGedichte

Eine Liste von sensiblen Gedichten zum Thema "Tod" - moderne und auch Klassiker; sowohl lang als auch kurz. Lassen Sie diese Worten auf sich & andere wirken.

  • Tod! — Andersen
  •  

    Irgendwo

    Durch des Lebens Wüste irr ich glühend
    Und erstöhne unter meiner Last,
    Aber irgendwo, vergessen fast,
    Weiß ich schattige Gärten kühl und blühend.

    Aber irgendwo in Traumesferne
    Weiß ich warten eine Ruhestatt,
    Wo die Seele wieder Heimat hat,
    Weiß ich Schlummer warten, Nacht und Sterne.

    Hermann Hesse

    Die Natur und der Mensch

    Es senkt das ganze Blumenheer
    Im Herbst sich in die Erde nieder,
    Doch bei des Lenzes Wiederkehr
    Erscheint viel herrlicher es wieder.

    Es senket sich die Sonn' in's Meer,
    Stets wecken sie der Lerche Lieder;
    Doch keiner, sinken wir in's Grab,
    Nimmt uns des Todes Ketten ab.

    Elisabeth Kuhlmann (1808 - 1825)

    Der Schwan

    Der Schwan, wenn er sein Ende ahnt,
    Das heißt: wenn ihm sein Sterben schwant,
    Zieht sich zurück, putzt das Gefieder
    Und singt das schönste seiner Lieder.

    – So möcht auch ich, ist es soweit,
    Mal eingehn in die Ewigkeit.

    Mascha Kaléko (1907 - 1975)


    Mir ward die Liebe nicht –
    Drum leb ich wie die Pflanze,
    Im Keller ohne Licht.

    Mir ward die Liebe nicht –
    Drum tön ich wie die Geige,
    Der man den Bogen bricht.

    Mir ward die Liebe nicht –
    Drum wühl ich mich in Arbeit
    Und leb mich wund an Pflicht.

    Mir ward die Liebe nicht –
    Drum denk ich gern des Todes,
    Als freundliches Gesicht.

    Bertha Pappenheim (1859 - 1936) war eine deutsch-jüdische Frauenrechtlerin. Sie gründete 1904 den Jüdischen Frauenbund (JFP), um sich für feministische Themen einzusetzen. Als psychologische Fallstudie ist sie auch als Patientin „Anna O“ von Joseph Breuer (und Sigmund Freud) bekannt. Bertha Pappenheim war Österreicherin, verbrachte aber ab 1888 ihr Leben in Deutschland.


    Noch bist du da

    Wirf deine Angst
    in die Luft

    Bald
    ist deine Zeit um
    bald
    wächst der Himmel
    unter dem Gras
    fallen deine Träume
    ins Nirgends

    Noch
    duftet die Nelke
    singt die Drossel
    noch darfst du lieben
    Worte verschenken
    noch bist du da

    Sei was du bist
    Gib was du hast

    Rose Ausländer: Gesammelte Werke Bd. V: Ich höre das Herz des Oleanders, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1995

    Blätter im Wind

    Treibende Blätter im Wind,
    Spielzeug der Lüfte wir sind.

    Wo wir einst liegen in Orten und Zeiten,
    Wo wir verwesen, hat nichts zu bedeuten;

    Da wo wir saßen am Lebensbaum,
    Hofft eine Knospe im Frühlingstraum.

    Jakob Bosshart (1862 - 1924), Schweizer Schriftsteller und Philologe

    Laß ruhn die Toten

    Es steht ein altes Gemäuer
    Hervor aus Waldes Nacht,
    Wohl standen Klöster und Burgen
    Einst dort in herrlicher Pracht.

    Es liegen im kühlen Grunde
    Behauene Steine gereiht;
    Dort schlummern die Frauen, die Starken,
    Die Mächt'gen der alten Zeit.

    Was kommst du nächtlicher Weile
    Durchwühlen das alte Gestein?
    Und fordest hervor aus den Gräbern
    Nur Staub und Totengebein.

    Unmächtger Sohn der Stunde,
    Das ist der Zeiten Lauf,
    Laß ruh'n, laß ruh'n die Toten,
    Du weckst sie mit Klagen nicht auf.

    Adelbert von Chamisso

    Begrabe deine Toten

    Begrabe deine Toten
    Tief in dein Herz hinein;
    So werden sie dein Leben
    Lebend´ge Tote sein.

    So werden sie im Herzen
    Stets wieder auferstehn,
    Als gute, lichte Engel
    Mit dir durchs Leben gehn.

    Begrab´dein eigen Leben
    In anderer Herz hinein;
    So wirst du, und bist du ein Toter,
    Ein ewig Lebender sein.

    Karl Siebel (1836 –1868)

    Herbst

    Nun ist es Herbst, die Blätter fallen,
    den Wald durchbraust des Scheidens Weh;
    den Lenz und seine Nachtigallen
    versäumt ich auf der wüsten See.

    Der Himmel schien so mild, so helle,
    verloren ging sein warmes Licht;
    es blühte nicht die Meereswelle,
    die rohen Winde sangen nicht.

    Und mir verging die Jugend traurig,
    des Frühlings Wonne blieb versäumt;
    der Herbst durchweht mich trennungschaurig,
    mein Herz dem Tod entgegenträumt.

    Nikolaus Lenau (1802 - 1850)

    Ich stand gelehnt am Leichenstein

    Ich stand gelehnt am Leichenstein
    Am Allerseelentag
    Von hundert Kerzen lichter Schein
    Auf all den stummen Gräbern lag.

    Ich dachte, wie viel Glück und Schmerz
    Hier tief begraben liegt,
    Wie manches sturmbewegte Herz
    Auf ewig ward zur Ruh gewiegt.

    Da gingst du still vorbei an mir,
    Ich sah dir ins Gesicht,
    Und eine Träne blitzte dir
    Im Aug‘, bestrahlt vom Kerzenlicht.

    Im tiefsten Herzen hat sich da
    Ein Grab mir aufgetan,
    Und die gestorb’ne Jugend sah
    Aus deinem Aug‘ mich lebend an!

    Ludwig Bauer (1832 – 1910)