Das Gedicht „Der Weihnachtsbaum“ stammt aus der Feder von Joachim Ringelnatz.
Es ist eine Kälte, dass Gott erbarm!
Klagte die alte Linde,
Bog sich knarrend im Winde
Und klopfte leise mit knorrigem Arm
Im Flockentreiben
An die Fensterscheiben.
Es ist eine Kälte! Dass Gott erbarm!
Drinnen im Zimmer war's warm.
Da tanzte der Feuerschein so nett
Auf dem weißen Kachelofen Ballett.
Zwei Bratäpfel in der Röhre belauschten,
Wie die glühenden Kohlen
Behaglich verstohlen
Kobold- und Geistergeschichten tauschten.
Dicht am Fenster im kleinen Raum
Da stand, behangen mit süßem Konfekt,
Vergoldeten Nüssen und mit Lichtern besteckt,
Der Weihnachtsbaum.
Und sie brannten alle, die vielen Lichter,
Aber noch heller strahlten am Tisch
(Es lässt sich wohl denken
Bei den vielen Geschenken)
Drei blühende, glühende Kindergesichter. –
Das war ein Geflimmer
Im Kerzenschimmer!
Es lag ein so lieblicher Duft in der Luft
Nach Nadelwald, Äpfeln und heißem Wachs.
Tatti, der dicke Dachs,
Schlief auf dem Sofa und stöhnte behaglich.
Er träumte lebhaft, wovon, war fraglich,
Aber ganz sicher war es indessen,
Er hatte sich schon (die Uhr war erst zehn)
Doch man musste 's gestehn,
Es war ja zu sehn,
Er hatte sich furchtbar überfressen. –
Im Schaukelstuhl lehnte der Herzenspapa
Auf dem nagelneuen Kissen und sah
Über ein Buch hinweg auf die liebe Mama,
Auf die Kinderfreude und auf den Baum.
Schade, nur schade,
Er bemerkte es kaum,
Wie schnurgerade
Die Bleisoldaten auf dem Baukasten standen
Und wie schnell die Pfefferkuchen verschwanden.
– Und die liebste Mama? – Sie saß am Klavier.
Es war so schön, was sie spielte und sang,
ein Weihnachtslied, das zu Herzen drang.
Lautlos horchten die andern Vier.
Der Kuckuck trat vor aus der Schwarzwälderuhr,
Als ob auch ihm die Weise gefiel. – –
Leise, ergreifend verhallte das Spiel.
Das Eis an den Fensterscheiben taute
Und der Tannenbaum schaute
Durchs Fenster die Linde
Da draußen, kahl und beschneit
Mit ihrer geborstenen Rinde.
Da dachte er an verflossene Zeit
Und an eine andere Linde,
Die am Waldesrand einst neben ihm stand,
Sie hatten in guten und schlechten Tagen
Einander immer so lieb gehabt.
Dann wurde die Tanne abgeschlagen,
Zusammengebunden und fortgetragen.
Die Linde, die Freundin, die ließ man stehn.
Auf Wiedersehn! Auf Wiedersehn!
So hatte sie damals gewinkt noch zuletzt. –
Ja, daran dachte der Weihnachtsbaum jetzt,
Und keiner sah es, wie traurig dann
Ein Tröpfchen Harz, eine stille Träne,
Aus seinem Stamme zu Boden rann.
Siehe auch das Gedicht Das Weihnachtsbäumlein von Christian Morgenstern.
Weitere gute Gedichte des Autors Joachim Ringelnatz.
Hintergrund
Der Weihnachtsbaum (meist eine Fichte, keine Tanne) geht auf einen deutschen Brauch aus dem 16. Jahrhundert zurück. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erklärte Luther den Weihnachtsbaum zum Symbol der Geburt Jesu. Ursprünglich stand der Baum nur in Kirchen; gegen Ende des 19. Jahrhunderts hielt er schließlich auch Einzug in die Wohnzimmer, zunächst in protestantischen Ländern. Später breitete sich der ursprüngliche deutsche Brauch dann in der ganzen Welt aus.
Laut Luther ist der Weihnachtsbaum ein Symbol für den Baum im Paradies; der Christbaumschmuck an die Früchte, die Adam und Eva aßen. Die Baumspitze symbolisiert den Stern, der die Heiligen Drei Könige zu Jesu Geburtsort führte; daher wird die Spitze manchmal durch einen Stern ersetzt.
Katholiken räumten der Krippe früher einen höheren symbolischen Wert ein, oft mit grünem Schmuck, und erst seit 1982 steht im Vatikan ein Weihnachtsbaum.
Protestanten hingegen lehnten Krippenfiguren aufgrund ihres Bildverbots im Allgemeinen ab, weshalb der Weihnachtsbaum bei ihnen beliebter war. Im Gegensatz zu den germanischen Ländern des Nordens gab es in den wärmeren, südlichen katholischen Ländern übrigens keine Legenden oder heidnische Folklore rund um den immergrünen Nadelbaum.
Schöne Gedichte zum Thema "Weihnachtsbaum":
- Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen — Kletke
- Der Weihnachtsbaum — Ringelnatz
- Das Vöglein auf dem Weihnachtsbaum — Schmid
- Der Weihnachtsbaum — Seidel
- O Weihnachtsbaum — Rückert
- Zum Weihnachtsbaum — Rosegger
- O Tannenbaum, o Tannenbaum — Zarnack
Gedichte
Weihnachtsgedichte
Impressum
Datenschutz