Das Gedicht „Ich bin der Weg gen Untergang“ stammt aus der Feder von Itzik Manger.
Ich bin der Weg gen Untergang,
der blonde Sonnentod,
der braune Hirtenpfeifenklang,
das müde Abendrot.
Mein Bruder, geh du mir nicht nach,
mein Gehn ist nur Vergehn -
häng deinen jungen Glauben nicht
an meine blaue Trän'!
Meine Schönheit ist ein Messer,
sie stößt dir durch das Herz.
In Wein getaucht zwei Lippen:
mein ewig blauer Schmerz.
Meine Sehnsucht - ein Zigeuner
in wildem Windgebell -
eine tote weiße Mutter
auf dunkler Abendschwell'.
Mein Bruder, geh du mir nicht nach,
mein Gehn ist nur Vergehn -
häng deinen jungen Glauben
nicht an meine blaue Trän'!
Meine Lust - eine junge Nonne,
sie steht nackt beim Altar,
und ihre heißen Brüste
blühn ihrem blonden Narr.
Mein Glück - ein Regenbogen,
der im Sonnengolde blitzt
und immer bereit ist zu sterben,
noch eh' man ihn besitzt.
Mein Haß - ein wilder Reiter,
der hält in der Hand ein Seil.
Nur, statt des Feindes würgt er
das eigene Glück in der Eil'.
Mein Bruder, geh du mir nicht nach,
mein Gehn ist nur Vergehn -
häng deinen jungen Glauben
nicht an meine blaue Trän'!
Aus dem Jiddischen ins Deutsche übersetzt von Selma Meerbaum-Eisinger.
Folg mir nicht nach, mein Bruder
Ich bin der Weg ins Leere,
das blonde Sonnensinken,
die braune Hirtenflöte,
das müde Abendwinken.
Folg mir nicht nach, mein Bruder –
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn!
Ein Dolch ist meine Schönheit,
der tief sich gräbt ins Herz.
Zwei blaue Lippen über
dem Kruge Wein: mein Schmerz.
Mein Sehnen: ein Zigeuner
in windgepeitschter Steppe.
Eine tote, bleiche Mutter
auf dunkler Abendtreppe.
Folg mir nicht nach, mein Bruder,
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn!
Meine Gier: eine nackte Nonne,
vor dem Altar gebeugt,
die ihre heißen Brüste
dem blonden Narren neigt.
Meine Luft: ein Regenbogen,
der an der Sonne reift
und in der Hand verflüchtet,
die gierig nach ihm greift.
Mein Haß: ein wilder Reiter,
in seiner Hand ein Strick,
doch statt den Feind erwürgt er
im Wahn sein eignes Glück.
Folg mir nicht nach, mein Bruder –
mein Gehen ist Vergehn!
Es wird dein junger Glaube
an meinem Weh verwehn.
Nachdichtung von Rose Ausländer.
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