Das Gedicht „Epitaphien“ (Grabinschriften) stammt aus der Feder von Michelangelo Buonarroti.
O fühlest du mit mir, der hier im Staube
Verschlossen ruht, der Welt entrückt, Erbarmen,
So spare deine Tränen für die Armen,
Die leben, wechselndem Geschick zum Raube.
Warum ergreifst du Tod nicht müde Greise,
Warum soll ich in meiner Blüte sterben?
»Weil das, was altert in der Welt Verderben,
Nicht aufschwebt und nicht weilt im Himmelskreise.«
Nicht mordete mit hoher Jahre Waffen
Der Tod die Schönheit, die der Staub hier deckt,
Er nahm sie schnell, auf dass sie unbefleckt
Zum Himmel kehre, schön wie sie geschaffen.
Geboren war ich erst vor kurzer Frist,
Als man mich hier begrub; so schnell entführet
Der Tod mich, dass der freie Geist kaum spüret,
Wie sehr sein Zustand jetzt verwandelt ist.
Nicht gab der Himmel meiner Reize Fülle,
Die Vielen er zum Schmuck für mich entriss,
Durch meinen Tod zurück, da ich gewiss
Am jüngsten Tag mich kleid' in gleiche Hülle.
Man glaubt mich tot, der ich gelebt zum Frommen
Der Welt, im Busen tragend tausend Seelen,
Die mich geliebt; wie kann mir Leben fehlen,
Da eine Seele nur der Tod genommen?
O würden Fleisch und Blut für meine Knochen —
Dass ich aufs neue lebte — eure Tränen,
Dann wär' aus Mitleid hart, wer weint; sein Sehnen
Zwäng' mich zurück ins Joch, das ich zerbrochen.
Dass ich gelebt, weiss nur mein Leichenstein,
Und denkt ein Mensch an mich, dann dünkt's ihn gar
Wie Traum; so wirkt der Tod, dass das, was war,
Erscheint, als könnt' es nie gewesen sein.
Ich, Braccio von Geschlecht, sah, seit in Schmerzen
Zur Welt ich kam, nur kurze Zeit den Tag;
Nun bin ich hier, wo gern ich harren mag,
Leb' ich nur fort in meines Freundes Herzen.
War ich im Leben, der ich Staub jetzt bin,
Des Freundes Leben, muss nicht Tod allein,
Nein eifersücht'ge Qual dem Freund es sein,
Stirbt je vor ihm ein andrer für mich hin?
Der Bracci Sonne sank hinab ins Grab,
Mit ihr die Sonne der Natur. Nicht Waffen
Bedurft' der Tod, um ihn dahin zu raffen;
Ein Hauch schon bricht die Frühlingsblume ab.
Übersetzt von Sophie Hasenclever.
Hinweis: Als Epitaph (von altgriechisch epitáphion „zum Grab gehörend“, dieses aus epí (= „auf, an, bei“) und táphos (= „Grab“)) wird ursprünglich ein, in oder an einer Kirche angebrachtes, Gedächtnismal für einen Verstorbenen bezeichnet. Später nahm der Begriff dann die Bedeutung einer "Grabinschrift" an.
Der Begriff wird auch im übertragenen Sinne verwendet, meist als lobende Beschreibung von etwas oder jemandem.
Anmerkung: Michelangelo di Lodovico Buonarroti Simoni (1475 – 1564), bekannt unter dem Mononym Michelangelo, war ein italienischer Bildhauer, Maler, Architekt und Dichter der Hochrenaissance.
Er wurde in der Republik Florenz geboren, war aber ab seinem 30. Lebensjahr hauptsächlich in Rom tätig.
Seine Werke waren von Vorbildern aus der klassischen Antike inspiriert und hatten einen nachhaltigen Einfluss auf die westliche Kunst.
Michelangelos kreative Fähigkeiten und seine Meisterschaft in einer Reihe von künstlerischen Bereichen machen ihn neben seinem Rivalen und älteren Zeitgenossen Leonardo da Vinci zu einem archetypischen Renaissance-Menschen. Angesichts der schieren Menge an erhaltenen Briefen, Skizzen und Erinnerungen ist Michelangelo einer der am besten dokumentierten Künstler des 16. Jahrhunderts.
Weitere gute Gedichte von Michelangelo Buonarroti:
- Ich bin nicht tot…
- Epitaphien
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