Das Gedicht „Amor“ stammt aus der Feder von Johann Wilhelm Ludwig Gleim.
Amor und Venus
Amor pflückte Rosen
In Cytherens Garten,
Seinen goldnen Locken
Einen Kranz zu flechten.
Plötzlich stachen Dornen
Seinen zarten Finger,
Purpurrote Tropfen
Sieht er quellen; weinend
Ruft er: »Mutter, Mutter!
Deine bösen Rosen
Stachen ihre Lanzen
Hier in meinen Finger;
Sieh’ doch, welche Wunde!«
Venus küsst den Finger
Ihres lieben Amor;
Plötzlich ist die Wunde
Wieder heil geworden.
»Mütterchen«, sagt Amor,
»Deine bösen Rosen
Mögen immer stechen!«
Amor und die Nymphen
Als blöde Nymphen einst Cytherens Sohn
Aus Furcht vor seinen Waffen flohn,
Da warf der kleine Gott in Eil’
Den Bogen weg, lief ohne Pfeil
Und ohne Kleid, in nackender Gestalt,
Den blöden Nymphen nach in einen Myrtenwald!
Und als die Nymphen da den Knaben ohne Waffen
Und nackend sitzen sahn,
Nicht fürchteten, ihn anzugaffen,
Nicht scheuten, ihm zu nahn,
Da rief aus einem Busch Diana: »Nymphen, wißt:
Er ist gefährlicher, je nackender er ist!«
Amor ein Vogel
Sieh’, wie dort ein kleiner Vogel
Auf dem Myrtenzweige sitzt,
Lauschend in die Ferne siehet
Und den Mund zum Pfeifen spitzt!
Denkt er Mädchen, deren Busen
Nicht sein schärfster Pfeil durchdrang,
Hier im Garten zu besiegen
Mit harmonischem Gesang?
O, du holder kleiner Vogel,
Meine Magdalis ist hier:
Pfeif’ ein Liedchen, liebster Vogel,
Und ihr Herz erpfeife mir!
Amor ein Werber
Amor wirbt, ich seh’ ihn werben:
Wie so freundlich, wie geschäftig
Dringt er sich in alle Haufen!
Doch er ist nicht Jedem sichtbar.
Dort bedeckt er schlau mit Larven
Wangen, welche leicht erröten,
Und entführet sie den Wächtern,
Und verbirgt sie den Verrätern,
Und begleitet sie zum Tanze,
Und entdeckt sie nur dem Tänzer,
Dem er sie zum Tanze bringet!
Wenn es ihm an Volke fehlet,
Darf er keine Trommel rühren;
Alle Straßen voller Schlitten,
Jeder Saal voll Tanz und Larven,
Alle Kirchen voller Andacht,
Alle Bänke voller Weisheit,
Alle Gärten voller Rosen,
Alle Ufer klarer Bäche,
Alle Logen und Theater
Dienen ihm zu Werbeplätzen!
Schlauer haben ihre Riesen
Meine Preußen nicht geworben!
Amor im Garten
Die Sonne sank nach Westen
Und strahlte noch im Sinken
Die letzte Abendröte;
Da lockte mich ein Cephyr
Aus meinem stillen Zimmer;
Ich folgt’ ihm gern in’s Freie,
Wo tausend Rosen blühten,
Um die er gaukelnd scherzte!
Der Büsche kleine Sänger
Ergötzten mich im Grünen,
Und meine Augenlider
Befiel ein süßer Schlummer.
Ich träumte von der Liebe,
Ich träumte von Dorinden,
Von Daphnen und Ismenen,
Und klagte meine Leiden
Der Liebesgöttin, trauernd,
Und sag’ ihr von Dorinden. –
Sie sprach: »Sie soll dich lieben!«
Und plötzlich wacht’ ich wieder
Und fand mich wie begraben
In frischen Rosenblättern!
Ich sprang von meinem Lager,
Den losen Gast zu suchen,
Der mich so schön begraben;
Fühlt’ aber plötzlich Schmerzen.
Ein kleines Kind mit Flügeln,
Wie ich noch nie gesehen,
Saß lächelnd hinter Rosen,
Und wies mir mit dem Bogen
Dorinden in der Laube.
Welch eine Wunde, Doris!
Sie schmerzt’ und that doch sanfte!
Doch hatt’ ich in der Laube
Dorinden kaum erblicket,
Da schwanden alle Schmerzen,
Denn sie war gar zu freundlich!
Amor schlafend
Amor lag in tiefem Schlaf,
Unter einer Schaar von Schäfern;
Phillis traf ihn an und sang,
Ihn noch tiefer einzuschläfern;
Aber plötzlich aufgeweckt
Von dem sanften Schäferliede,
Stutzt er, sieht sich munter um,
Und, des trägen Schlummers müde,
Springet er vom Lager auf,
Das von Veilchen und Levkojen
Ihm die Erde blühen ließ,
Und nimmt rüstig Pfeil und Bogen! –
Doris flieht in dicken Wald,
Da vor ihm sich zu verstecken;
Amor sieht es, machet Lärm,
Alle Schäfer aufzuwecken!
Alle Schäfer springen auf,
Folgen ihm mit Jäger-Eile!
Doris flieht, und auf der Flucht
Trifft er sie mit seinem Pfeile!
Tausend Seufzer sandt’ ich fort,
Wenig ließ mich Phillis hoffen;
Aber der gerührte Gott
Hatte sie für mich getroffen!
Amor und Bacchus
Bacchus streitet sich mit Amor;
Ob es Ernst ist oder Scherz?
Ernst muß es wohl sein, die Götter
Streiten um mein Herz!
Bacchus mag den Sieg gewinnen,
Ihn zu geben steht bei mir! –
Aber nein, vertragt euch lieber,
O, ihr Götter, ihr!
Laßt mich trinken, laßt mich lieben,
Laßt mich Beides doch zugleich!
O, ihr allerliebsten Götter,
O, vertraget euch!
Euch zu Ehren, euch zur Freude,
Trink’ ich mir in Lieb’ und Wein
Einen Rausch, seht, meine Doris
Küßt mich, schenkt mir ein!
Amor und die Musen
Amor und die Musen
Gehn beisammen, seht
Wie so sittsam Amor
Mit den Musen geht!
Amor sieht ein Blümchen,
Sieht’s im Morgentau,
Bückt sich nach dem Blümchen
Weiß und himmelblau,
Pflückt’s und bringt’s den Musen
Und besieht’s und spricht:
»Ach, ihr meine Lieben,
Ach, vergeßt mich nicht!«
Götter neckt er, keinen
Lässt er ungeneckt:
Hat er in das Blümchen
Einen Pfeil versteckt?
Amor’s Nachtbesuch
Zur Zeit, wenn alle Menschen
Von ihrer Arbeit ruhn;
Wenn Patrioten träumen,
Was Könige nicht tun;
Wenn etwas nur ein Weiser
Bei seiner Lampe wacht,
In der Gespensterstunde,
Kurz, in der Mitternacht
Kam Amor, der die Schönen
Sonst immer nur besucht,
Vor meine Tür und klopfte;
Vielleicht auf einer Flucht!
»Wer schlägt mir meine Pforte«,
Rief ich, »entzwei, wer jagt
Von mir die süßen Träume
So grausam, eh’ es tagt?«
Da hört’ ich draußen bitten:
»Mach’ auf! ich bin ein Kind,
Du darfst vor nichts dich fürchten;
Mach’ auf, bitt’ ich, geschwind!
Der Mond hat nicht geschienen,
Ich habe mich verirrt,
Es ist so kalt, es regnet,
Erbarme dich, Herr Wirt!«
Schnell macht’ ich Licht, ich eilte, –
Mitleidig muss man sein, –
Und öffnete die Pforte,
Und ließ den Pilger ein!
Und sieh’, es war ein Knabe
Mit Flügeln, wunderschön;
Solch Antlitz, solche Augen
Hatt ich noch nie gesehn!
Komm’, Kleiner, sagt’ ich freundlich,
Und führt’ ihn an der Hand
Zum Herde, holte Späne,
Blies, brachte sie in Brand!
Ich ließ ihn sich erwärmen,
Nahm ihn in meinen Arm,
Und macht’ in meinen Händen
Ihm seine Hände warm!
Aus seinen goldnen Locken
Drückt’ ich den Regen aus;
Ihm helfen, dacht’ ich, bringet
Mir Segen in mein Haus!
»Hätt’ ich«, sprach er, »ich Armer,
Mich doch nur nicht verirrt! –
Mein Bogen ist verdorben,
Sieh’ nur, mein lieber Wirt!«
»Erschlafft von vielem Regen
Ist er, o weh’, ich bin
Um meinen lieben Bogen!«
Ja, sprach ich, der ist hin!
»Laß sehn!« sprach da der Knabe,
Spannt’ ihn und drückt’ ihn los,
Und traf recht in die Mitte
Mein Herz mit dem Geschoss!
Und tanzt’ umher und lachte,
Und sprach mit frohem Mut:
»Mein lieber Wirt, sei fröhlich,
Mein Bogen ist noch gut!«
Siehe auch das Gedicht Gegen Amor von Catharina Regina von Greiffenberg.
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