GedichteGedichte

Das Gedicht „Mailied“ stammt aus der Feder von Ludwig Hölty.

I.

Willkommen liebe Sommerzeit,
Willkommen schöner Mai,
Der Blumen auf den Anger streut,
Und alles machet neu.

Die Vögel höhen ihren Sang,
Der ganze Buchenhain
Wird süßer, süßer Silberklang,
Und Bäche murmeln drein.

Rot stehn die Blumen, weiß und blau,
Und Mädchen pflücken sie,
Bald auf der Flur, bald auf der Au,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

Ihr Busen ist von Blümchen bunt,
Ich sah ihn schöner nie,
Es lacht ihr rosenroter Mund,
Ahi, Herr Mai, Ahi!

II.

Alles liebet! Liebe gleitet
Durch die blühende Natur,
Liebe zeuget Blumen, breitet
Manchen Teppich auf die Flur.
Das verliebte Haingefieder,
Das sich neue Zellen baut,
Tönet süße Liebeslieder,
Wenn der Mai vom Himmel taut.

Liebe malt jetzt hellre Rosen
Um den Mund der Schäferin,
Schäferin und Schäfer kosen
Manche goldne Stunde hin.
Sitzen unter Apfelblüten,
Arm in Arm, und Paar an Paar,
Kleine Liebesgötter bieten
Nektar ihren Lippen dar.

Unschuld blickt aus ihren Minen,
Unschuld ihres Standes Los,
Rothe Blüten taumeln ihnen
Aus dem Wipfel in den Schoss.
Blau und golden schwebt der Äther
Im bebüschten Gartenteich,
Alle Blüten werden röter,
Werden Edens Blüten gleich.

Durch die Blumen, durch die grünen
Kräuter, die der Sonnenschein
Übergoldet, summen Bienen,
Sammeln süßen Nektar ein.
Alles hauchet Scherz und Freude,
Wo des Frühlings Odem bläst,
Die Natur, im Blumenkleide,
Feirt ein allgemeines Fest.

Alles küsst jetzt! Küsse flüstern
In beschatteten Alleen,
Wo die Liebenden in düstern
Buchenlabyrinthen gehn.
Küsse rauschen in den Lauben,
Um die Abenddämmerung,
Küsse geben, Küsse rauben
Ist der Welt Beschäftigung.

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