Das Gedicht „Das Blutgericht“ stammt aus der Feder von Anonym.
Hier im Ort ist ein Gericht
viel schlimmer als die Vehme
wo man nicht erst ein Urteil spricht
das Leben schell zu nehmen
Hier wird der Mensch langsam gequält
hier ist die Folterkammer
hier werden Seufzer viel gezählt
als Zeuge von dem Jammer
Hier Herren Zwanziger die Henker sind
die Diener ihre Schergen
davon ein jeder tapfer schindt
anstatt was zu verbergen
Ihr Schurken all, ihr Satansbrut
ihr höllischen Dämone
ihr fresst den Armen Hab und Gut
und Fluch wird Euch zum Lohne
Ihr seid die Quelle aller Not
die hier den Armen drücket
Ihr seid´s, die ihm das trockene Brot
noch vor dem Mund wegrücket
Was kümmerts euch ob arme Leut
Kartoffeln satt könn’n essen
Wenn ihr nur könnt zu jeder Zeit
Den besten Braten fressen
Kömmt nun ein armer Weber an
die Arbeit wird besehen
findt sich der kleinste Fehler dran
so ist`s um Euch geschehen
Erhält er dann den kargen Lohn
wird ihm noch abgezogen
zeigt ihm die Tür, und Spott und Hohn
kommt ihm noch nachgeflogen
Hier hilft kein Bitten und kein Flehn
umsonst ist alles Klagen
gefällt’s euch nicht, so könnt ihr geh’n
am Hungertuche nagen
Nun denke man sich diese Not
und Elend solcher Armen
zu Hause oft kein Bissen Brot
ist das nicht zum Erbarmen ?
Erbarmen, ha! Ein schön Gefühl
euch Kannibalen fremde,
und jedes kennt schon Euer Ziel
der Armen Haut und Hemde
O, Euer Geld und Euer Gut
das wird dereinst vergehen
wie Butter an der Sonne Glut
wie wird`s dann um Euch stehen
Wenn ihr dereinst nach dieser Zeit
nach diesem Freudenleben
Dort, dort in jener Ewigkeit
sollt Rechenschaft abgeben
Doch ha, sie glauben keinen Gott
noch weder Hölle, Himmel,
Religion ist nur ihr Spott
hält sich an´s Weltgetümmel
Ihr fangt stets an zu jeder Zeit
den Lohn herabzubringen
und andere Schurken sind bereit
dem Beispiel nach zu ringen
Der Reihe nach folgt Fellmann jetzt
ganz frech ohn alle Bande
bei ihm ist auch herabgesetzt
das Lohn zur wahren Schande
Die Gebrüder Hoferichter hier
was soll ich von ihn´n sagen
geschindet wird hier nach Willkür
dem Reichtum nachzujagen
Und hat ja Einer noch den Mut
die Wahrheit Euch zu sagen
so kommt´s soweit, es kostet Blut
und den will man verklagen
Herr Kamlot, Langer genannt
der wird dabei nicht fehlen
Einem jeden ist es wohlbekannt
viel Lohn mag er nicht zählen
Von Euch wird für ein Lumpengeld
die Ware hingeschmissen
was Euch dann zum Gewinne fehlt
wird Armen abgerissen
Sind ja noch welche, die der Schmerz
der armen Leut beweget
in deren Busen noch ein Herz
voll Mitgefühle schläget
Die müssen von der Zeit gedrängt
auch in das Gleis einlenken
und Eurer Beispiel eingedenk
sich in den Lohn einschränken
Ich frage: Wem ist’s wohlbekannt
wer sah vor zwanzig Jahren
den übermütgen Fabrikant
in Staatskarossen fahren?
Sah man wohl dort zu jener
Zeit Paläste hocherbauen
Mit Türen, Fenstern prächtig weit
fast fürstlich anzuschauen
Wer traf wohl da Hauslehrer an
bei einem Fabrikanten
Mit Livreen Kutscher angetan
Domestiken, Gouvernanten?
Anmerkung: Das Lied „Das Blutgericht“ ist ein anonymes politisches Protestlied aus dem Jahr 1844. Es entstand gehört zu den frühen deutschen Arbeiterliedern und prangert die Armut der Weber und die Ausbeutung durch Textilunternehmer an. Das Lied spielte bereits vor dem schlesischen Weberaufstand eine wichtige Rolle. Es war weit verbreitet und wurde bei Zusammenkünften der Weber gesungen.
Weitere Gedichte:
- Heckerlied — Hecker
- Der alte Weber — Püttmann
- Das Blutgericht — Anonym
- Lied einer schlesischen Weberin — Aston
- Maikäfer flieg — Volksgut
- An den Frieden - Ramler
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